Jeder kann Smartphone-Videos drehen. Das heißt aber nicht, dass er es „kann“. Wir haben die sechs größten Smartphone-Video-Sünden für Euch zusammengestellt.

Smartphones haben Camcorder inzwischen vollumfänglich ersetzt: Videos in Full-HD oder 4K-Qualität und ausreichend gute Tonqualität sorgen dafür, dass jeder ein Video drehen und es anschließend entweder selbst archivieren oder bei Youtube hochladen kann. Allerdings ist nicht jeder ein Nachwuchs-Spielberg, sondern zumeist einfach eine Video-Nervensäge: Es gibt ständig wiederkehrende, ausgesprochen nervige Smartphone-Video-Sünden, die sich ganz einfach vermeiden lassen. Wir zeigen Euch die sechs gruseligsten.

Das Vertikal-Video-Syndrom

Ein Syndrom beschreibt die Summe aller Symptome einer Krankheit, ist aber per Definition keine. Auch wenn die Begriffe „Krankheit“ und „Syndrom“ umgangssprachlich gerne synonym verwendet werden. Das Vertikal-Video-Syndrom ist dementsprechend in der Tat eine Krankheit, und zwar eine, die Schmerzen verursacht. Weniger bei dem, der das Syndrom aufnimmt, als bei denen, die seine Videos anschauen wollen oder sogar müssen. Das Vertikal-Video-Syndrom beschreibt auch den Wahn, das Smartphone beim Filmen wie ein Smartphone zu halten und beinhaltet oft weitere Störungsbilder, etwa Wackelfilmen, verhuschten Voyeurismus und schnnittfreien Upload.

Wer vertikale Videos aufnimmt und hochlädt beweist zudem völlige Ignoranz menschlicher Sehgewohnheiten und technischer Fakten. Denn Fernseher, Monitore und alle anderen Wiedergabegeräte sind in aller Regel quer. Warum? Weil der Mensch als Steppentier vor allem die Weite der Steppe im Blick haben musste, während Gefahren aus der Luft unwahrscheinlich waren. Ärgerlich an der ganzen Nummer ist allerdings, dass die Smartphone-Hersteller diesem Irrsinn keinen Riegel vorschieben: Eine einfache Software-Sperre anhand der Smartphone-Ausrichtung würde helfen, diese um sich greifende Seuche einzudämmen. Zumal die Lösung nach Aufnahme auch denkbar einfach ist.

Der verhuschte Voyeurismus

Beim Filmen von Mensch und Tier gibt es immer nur eine gewisse Anzahl von Pixeln, die genutzt werden können. Von diesen Pixeln sollten möglichst viele das Motiv zeigen – und nicht das Drumherum. Der verhuschte Voyeur traut sich nicht nah genug ans Motiv heran. Sei es, weil er heimlich filmt, sei es, weil er zu faul ist oder weil er grundlegende Fakten der Bildgestaltung ignoriert. Der verhuschte Voyeur sorgt dafür, dass der Betrachter zum Konsum eines Videos eine Lupe benutzen muss, um das eigentliche Motiv des Films zu sehen, das dann durch die Entfernung auch als nicht mehr als ein Pixelklumpen ist, der sich durch’s Bild bewegt. Wer nicht nah ans Motiv kommt, sollte das Filmen also am besten lassen. Die Videos sind scheiße. Echt jetzt.

Der elende Wackelfilm

Verhuschter Voyeurismus und Vertikal-Video-Syndrom im Zusammenspiel sind oft Garant dafür, dass eine dritte Smartphone-Video-Sünde auftritt: Der elende Wackelfilm. Smartphones sind leicht und haben selten Video-Stabilisatoren, zudem werden sie auch in aller Regel ohne Stativ geführt. Das sorgt für wackeliges Material ohne Aussage und ohne Inhalt, mit dem manch Zeitgenosse aber trotzdem seine Umwelt belästig. Dabei wäre Abhilfe so einfach: Näher ans Motiv gehen, Kamera horizontal halten und eine Sekunde darüber nachdenken, ob das, was man sieht, auch später auf dem Video zu sehen ist. Oder ob der Zuschauer mit Wackel-Unsinn belästigt wird.

Der schnittfreie Upload

Der schnittfreie Upload ist eine Unart, die nicht nur Menschen mit Vertikal-Video-Syndrom, verhuschte Voyeure und Wackelfilmer betrifft, sondern jeden, der mit dem Smartphone filmt. Manch Zeitgenosse scheint zu denken, dass 4K-Qualität ausreicht, um einen oscarreifen Streifen bei Youtube hochzuladen und fett Werbeeinnahmen zu produzieren. Liebe Leute: Dem ist nicht so! Gute Filme sind immer (IMMER) geschnitten, der Schnitt an sich sorgt zudem für Unterhaltung und so etwas wie eine Aussage.
Schneiden heißt: Unwichtiges weg, Wichtiges hervorheben und Schnittprogramme aller Preisklassen sind sowohl auf dem Handy, als auch auf dem PC oder Mac verfügbar. Ihr könnt schneiden. Ihr könnt Musik drunterlegen. Ihr könnt etwas aus Eurem Rohmaterial machen, das anderen Menschen wenigstens die Möglichkeit gibt, Euren Film zu schauen. Investiert ein wenig Lebenszeit – und spart die Eurer Mitmenschen. So ist allen geholfen!

Der Windbeutel

Kennt Ihr diese Videos, bei denen nichts zu hören ist außer Wind? Gerade Sportler neigen zu dieser Unart: Man steht auf einem hohen Berg, filmt die Mitkletterer und lässt sie Sachen in die Kamera sagen. Einzig: Der Zuschauer hört nichts, weil Wind sich in der Mikrofonöffnung des Smartphones fängt und ein knatterndes, poppendes Rauschen erheblicher Lautstärke verursacht. Wisst Ihr, warum die Fernsehfritzen immer Mikrofon-Überzüge haben? Die Dinger nennen sich Poppschutz, und genau das tun sie auch: Sie verhindern diese Windgeräusche. Das geht beim Smartphone freilich nicht, für kleines Geld gibt es aber externe Mikros mit eingebautem Poppschutz. Eine Investition, die sich wirklich rechnet, aber was erzähle ich Euch: Wer bis hierhin vorgedrungen ist und sich erkannt hat, ist wahrscheinlich längst beleidigt ausgestiegen.

Der Off-Kommentierer

Zuguterletzt gibt es noch einen besonderen Typ Smartphone-Video-Filmer, den Off-Kommentierer: Der plappert ständig in sein eigenes Video, und weil das Mikrofon nur wenige Zentimeter von seiner Sprechluke entfernt ist, ist das LAUT. Das Smartphone regelt automatisch den restlichen Ton runter, wodurch das eigentliche Motiv leise gestellt wird. Statt niedlichem Kindergeschwatze hört man also nur noch Vater, wie er stümperhafte Regieanweisungen ins Mikro spuckt.

Anderer Off-Kommentierer haben andere Vorlieben: Sie filmen etwas – und erklären dabei, um was es sich handelt: „Das ist der schiefe Turm von Pisa. Ganz schön viel los hier. Der Turm ist schief. Oh, es gibt hier Touristen. Ich mache jetzt ein Video. Lalalalala…“ Warum? Warum muss der Inhalt des Videos, den der Betrachter ja SIEHT und selbst einordnen kann, mit offensichtlichen Informationen übersprochen werden, die noch dazu das Ambiente in Form von Umgebungsgeräuschen ruinieren? Das muss nicht sein. Wenn Ihr Eure Stimme so schön findet, dass Ihr ein Voice-Over in Euer Video packen wollt, macht das beim Schnitt. Danke.

Über den Autor

Christian Rentrop

Technikjournalist und Schreiberling aus Überzeugung. Schon als Zweitklässler 1986 mit dem Amstrad CPC angefixt, habe ich mich immer für Computer und Technik interessiert und finde: Computer sind nichts, wovor man Angst haben sollte.

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