Ebay-Kleinanzeigen waren lange Zeit ein höllischer Ort voll schlechter Menschen. Die sind jetzt aber im Facebook-Marketplace unterwegs.

Wer jemals versucht hat, irgendetwas per Ebay-Kleinanzeigen zu verkaufen weiß: Hier tummelt sich der Abschaum der Menschheit. Erst kommen dämliche „Letztepreis?“-Fragen, dann werden lächerliche Tauschangebote gemacht („Habisch Kindle, Du tauschen für Eigentumswohnung?“), zwischendurch wird beleidigt und am Ende erscheinen die Käufer nicht. Erscheinen sie doch, sollte man bewaffnet sein. Denn die, die da erscheinen, sind vom Typ her irgendwo zwischen Jason Voorhees und „The Hills have Eyes“ angesiedelt. Ja, Ebay-Kleinanzeigen eben, das hat sich seinen Ruf hart erarbeitet. Aber hey: Es ist inzwischen scheinbar besser geworden. Dank Facebook!

Was tun mit all dem Kellermüll?

Neulich hatte ich nämlich die Ambition, den Keller aufzuräumen. Keller haben ja die Eigenschaft, sich von ganz von allein mit nutzlosen Dingen und Geraffel zu füllen, Dingen, von denen man weder weiß, woher sie kommen, noch, warum sie jetzt im Keller sind. Aber egal: Dieses Mal fand ich dort ein nahezu unbenutztes Klappfahrrad, einen Auto-Dachgepäckträger, ein altes Autoradio und allerlei anderes Zeug, von dem ich zwar nicht wusste, wie er da hin gekommen war, das sich aber noch zu gut zum Wegschmeißen war und sich sicher für ein paar Euro verkaufen lassen würde. Doch wo? Für reguläres Ebay war der Kram zu sperrig oder zu billig. Und Ebay-Kleinanzeigen meide ich als Verkäufer seit geraumer Zeit wie die Pest: Hier lernte ich einst einen Fahrrad-Nerd kennen, der mich so nett fand, dass er mich danach als Freund betrachtete und stalkte. Und hier musste ich Morddrohungen wegen meines VB-Preises für ein MacBook Air entgegennehmen. Genau deshalb versuchte ich es diesmal bei Facebook Marketplace: Das schien so einfach mit der Facebook-App.
Ganz.
Dumme.
Idee.

Der Facebook-Marketplace: Schlimmer geht’s nicht

Selbst die Bundesregierung hat inzwischen erkannt: Bei Facebook sind nur Verrückte unterwegs. Das geht von „normaler“ Verrücktheit wie bei mir über chronischen Memismus mit Emoji-Diarrhoe bis hin zu pathologischen Wahnsinn, dessen Träger eigentlich eingebuchtet werden müssten. Das ist an für sich schon schlimm genug, doch wenn dieser Irrsinn sich noch mit einer Geiz-ist-Geil-Attitüde paart, ist endgültig Schluss.

Am Ende ist alles Hitler

Denn wenn es um ein scheinbar gutes Geschäft geht, kennt der Facebook-Wahnsinnige kein Halten mehr. Wer das nicht glaubt, möge eine der zahlreichen Nettwerk-Gruppen im Netzwerk abonnieren und einfach mal mitlesen. Eine einfache Kleinanzeige wie „Verschenke meine alten Socken“ endet in einem „Letztepreis?“-Battle, der parallel dazu von Fetischisten kommentiert wird, die wissen wollen, wie lange die Socken denn getragen wurden. Dazwischen klinken sich Wahnsinnige ein, die das Thema Socken zum Anlass nehmen, gegen Ausländer/AfD/Sockenträger zu wettern. Am Ende ist alles Hitler. So oder so will man niemanden davon in seiner Wohnung oder auch nur seinem Keller haben.

Marketplace und Messenger: Ein übles Duo

An einem solchen Ort hinterlässt man freilich nur eine Telefonnummer, wenn man nicht bei Sinnen ist. Stattdessen ist der üble Facebook-Messenger das Kommunikationstool der Wahl. Ich stellte das Fahrrad für 80 Euro ein, keine 10 Sekunden später hatte ich jemanden am Bein, der „Waskosten“ fragte. Genau so, ohne Satzzeichen. Als Ebay-Kleinanzeigen-Kenner ignoriere ich Anfragen von Leuten, die nicht einmal eine Kleinanzeige lesen können. Deshalb erhielt ich die Anfrage binnen weniger Minuten im exakt gleichen Wortlaut von exakt 34 verschiedenen Konten. Wir halten fest: Da draußen gibt es Leute, die sich die Mühe machen, 34 Fake-Konten für den Facebook-Marketplace anzulegen, die aber nicht in der Lage sind, den Preis in einer Kleinanzeige zu lesen.

„Spacko!“

Irgendwo zwischen den Unsinns-Nachrichten meldete sich jemand: „Ich würde das Fahrrad gerne anschauen kommen.“ Ich schrieb: „Gerne, wann denn?“ Er antwortete: „Spacko!“. Und weil es so schön war, schrieb gleich noch jemand, der wissen wollte, ob ich das Auto auch für den halben Preis abgeben würde. Ja: Auto. Es folgten die üblichen lächerlichen Tauschanfragen, weitere Preisanfragen und Beleidigungen im Stil von: „Fick dich, ist viel zu teuer.“ Warum machen Leute so etwas? Im Facebook Marketplace rumhängen und Menschen beleidigen, nur weil ihnen der Preis nicht zusagt? Machen die das auch auf der Straße oder im Supermarkt? Hängen die gar bei Facebook rum, weil sie anderswo überall Hausverbot haben? Fragen über Fragen. Ich muss wohl kaum erwähnen, dass die zwei, drei seriöse wirkenden Kaufinteressenten niemals auftauchten. Dafür surrte alle 12 Sekunden der blöde Facebook-Messenger, man wird regelrecht zuggebombt mit blödsinnigen Anfragen.

Nette Leute bei Ebay-Kleinanzeigen?!

Das war dann auch der Punkt, an dem ich beschloss, es noch einmal bei Ebay zu versuchen und ehrlich: Ich war begeistert. Die Leute waren absprachefähig, kamen pünktlich und zahlten nach den üblichen 10 Prozent Kleinanzeigenhandel-Nachlass den Preis, den ich gerne haben wollte. Das lässt nur eine Vermutung zu: Der Facebook Marketplace hat alle Idioten und Wahnsinnigen von Ebay-Kleinanzeigen abgezogen, was gut für Ebay ist und natürlich auch für Leute wie mich, die diese Dinge, die sich von selbst im Keller anhäufen, von Zeit zu Zeit in Geld umtauschen wollen. Allerdings waren meine Verkaufswaren auch keine typischen Geschmeiß-Magneten wie Smartphones und Autos. Vielleicht versuche ich’s beim nächsten Handy- oder Auto-Wechsel nochmal auf beiden Plattformen. Der Spaß dürfte garantiert sein.

Über den Autor

Christian Rentrop

Christian Rentrop

Freier Journalist, Baujahr 1979. Erste Gehversuche 1986 am Schneider CPC. 1997 ging es online. Seither als Blogger und Journalist in Totholzwäldern, auf digitalen Highways und mit der Vespa GTS 300 oder meinem Hund in der echten Welt unterwegs.
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4 Kommentare

  • Schöner Artikel. Ich meide das Fratzebuch (und seine Ableger) wo ich nur kann (manchmal kommt man eben nicht drum herum).
    Kurz hatte ich die Überlegung, einige Teile ebenfalls auf dem Gesichtsbuch-Marktplatz anzubieten aber nach dem Bericht bleibe ich lieber in der Kleinanzeigen-Bucht.

    Übrigens: unter alle Anzeigen kommt einige Absätze wie:

    Auf Fragen, die in der Anzeige beantwortet werden, antworte ich nicht
    Taugt das Teil was? – Ja, sonst würde ich es in der Anzeige erwähnen
    Was ist letzte Preis? – Keine Antwort!

    Zu Nebenwirkungen und Risiken lesen Sie die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.
    Mobilfunkpreise können abweichen.
    Füllhöhe technisch bedingt.
    Kann Spuren von Erdnüssen und anderen Nüssen oder überhaupt von allem möglichen enthalten.

    • Yeah. (Aber damit wird die Fußzeile länger als die eigentliche Beschreibung in der Anzeige. Und diejenigen, die sich davon angesprochen fühlen SOLLTEN, lesen’s wahrscheinlich eh nicht. Trotzdem: Ich lese sowas gern, schmunzle dann und denke mir: Es gibt noch andere vernünftige Leute. Gebranntes Kind eben.)

  • Danke für diesen Beitrag! Erheiternd und traurig-schockierend zugleich. Das macht die – teils doch schräge – Welt der eKA für mich leichter erträglich.
    F*** Dich?! Und Spacko? Echt, jetzt?!
    Oh Mann. Fluch und Segen. Stets das Smartphone zur Hand und permanent online. Da kann jedermann/-frau/-div aka Idiot seinen geistigen Dünnschiss abladen, mal eben schnell an der Ampel oder an der Straßenbahn-Haltestelle. Schade, dass es keinen Bumerang gibt für sowas.