Früher war Facebook ein digitaler Treffpunkt, ein modernes Forum Romanum. Inzwischen stirbt Facebook aber einen quälend langsamen Tod. Gründe dafür gibt es viele.

Es war einmal vor langer Zeit, da gab es ein soziales Netzwerk namens Facebook, in dem man sich mit alten und neuen Freunden treffen konnte. Man diskutierte und chattete, klickte auf „Gefällt mir“ und kommentierte. Dann kamen die Idioten und die alten Leute. Und Idioten und alte Leute ruinieren traditionell jedes soziale Netzwerk, so auch Facebook. Mit den alten Leuten kam die Politik. Und auch Facebook selbst tut alles, um seine Plattform unattraktiv zu machen. Inzwischen ist das Netzwerk anscheinend öd und leer. Facebook stirbt einen langsamen, qualvollen Tod.

Früher hat Facebook Spaß gemacht

Es ist fast Jahre her, als ich mich das erste Mal aktiv mit sozialen Netzwerken befasste. Meine damalige Freundin wies mich auf StudiVZ hin. Obwohl das ein Spin-Off von Facebook war, war Facebook irgendwie unattraktiv, unübersichtlich und nur für „die Amis“, weil nur auf Englisch erhältlich. StudiVZ war die aufgeräumte, funktionsarme Alternative für den deutschen Akademiker – eine feine Sache. Dummerweise rollte Facebook dann international aus – und das im Grunde doofe StudiVZ war Geschichte. Das vor rund 10 Jahren. Seither bin ich bei Facebook und ehrlich: Ich mochte es. Man konnte Leute im Blick behalten, die man zwar mag, aber mit denen man weder telefonieren, noch chatten will. Man konnte Spieleanfragen ablehnen, wild diskutieren, seinen eigenen Müll ins Netz blasen. Der innere Narzisst wurde durch ständig steigende „Freunde“-Zahlen befriedigt. Ja: Facebook war damals das perfekte soziale Netzwerk.

Zu viel Müll, doofes Marketing und ein blöder Algorithmus

Irgendwann ging es dann los: Die ersten leichtbekleideten Damen sendeten mir Freundschaftsanfragen. Gleichzeitig sah ich immer mehr sinnloses Zeug: Werbe-Postings, die mich nicht die Bohne interessierten, Statusupdates von Grusel-Gruppen wie NETT-WERK Köln, die ich irgendwann abonniert hatte, weil ich dachte, das brächte was. Gleichzeitig begannen abonnierte Seiten damit, nervige Meme-Bilder auszuspucken. Der Bekanntenkreis trat immer mehr in den Hintergrund, und daran war der Algorithmus schuld: Ich musste meine „Freunde“ einzeln anklicken, um zu sehen, was da so los war. Immer mehr Müll verstopfte die Timeline, die Gewichtung war mehr zufällig als relevant, interessante Diskussionen verschwanden im Äther, eigene verwaiste Statusbeiträge sind bis heute nicht auffindbar, weil Facebook keine Suche in der eigenen Timeline anbietet. Von den Posts von Freunden ganz zu schweigen.

Wandert Facebook bald in den Müll? (Bild: geralt/Piaxaby)

Wandert Facebook bald in den Müll? (Bild: geralt/Piaxaby)

Der verk***te Messenger

Der nächste schwere Schlag war das „Outsourcing“ des Facebook-Messengers. Die Chatfunktion innerhalb von Facebook war wunderbar, es gab absolut keinen Grund, etwas daran zu ändern. Im Lande Zuckerberg sah man das anders: Man kaufte WhatsApp, aber statt die beiden Systeme zu verbinden, entstand ein weiterer nutzloser Messenger. Statt einer nutzlosen Akkusauger-App sollte man also jetzt zwei benutzen, eigentlich sogar drei, denn WhatsApp war ja auch noch da. Der iPhone-Akku dankte es mir mit effektiver Halbierung der Laufzeit, weshalb der Messenger sich bei mir auch niemals lange einnisten konnte. Auf Messenger-Kontaktaufnahmen reagiere ich inzwischen nur noch, wenn ich gerade am Rechner sitze. Noch schlimmer daran: Lange Zeit zeigte die Facebook-App den Messenger an, behauptete, da sei eine neue Nachricht – und nötigte zur Installation der Messenger-App. Dazu schluckte der Messenger die seltenen wichtigen Nachrichten einfach weg. Grund genug, Facebook zu verfluchen.

… und dann kamen die alten Leute

Währenddessen hatten auch Leute, die vor 1965 geboren waren, Facebook entdeckt. Und deutlich jüngere Leute, deren technische Fähigkeiten und Medienkompetenz noch geringer ist. Es folgten Freundschaftsanfragen von Müttern, Onkeln oder Geschwistern irgendwelcher entfernter Bekannten, weil die einfach alle anklickten, die sie mal auf einem Foto gesehen haben. Dazu dann die Abgehängten und Zu-Spät-Kommer, die irgendwas von mir wollten. Wegen dieser Seite hier oder weil ich in irgendeiner Gruppe etwas gepostet habe. Die mich einfach als Freund hinzufügen wollen, weil es halt geht. Die Facebook mit der echten Welt verwechseln. Die stundenlang in sinnlosen Diskussionen trollen, jedes Tierbild mit Emojis dekorieren und die sich unter ihrem Aluhut eine Welt gestalten, in der Einhörner, Katzenbabies und Indianer von Flüchtlingen oder Nazis (je nach Anschauung) hinfortgespült werden. Manche Menschen posten auch beides, weil… siehe oben. Wenigstens bei den Indianern liegen sie nicht ganz falsch, sind in ihrer Kritik aber eben ein wenig zu spät dran. All dieser Irrsinn führte bis heute in einer Verschiebung Gewichtung des Facebook-Algorithmus. Was in einer noch mieseren Qualität der ehemals so wunderbaren Timeline resultiert.

Obendrauf der schöne Heiko

Wo sich so viele Idioten tummeln, ist der Staat natürlich nicht weit. Dass solch ein unkontrollierbarer Sumpf aus Blödsinn, verkürzter politischer Denke, Fakenews, Katzenbildern, Sprüche-Memes und Einhorn-Sinnsprüchen irgendwann die Politik auf den Plan rufen würde, war in der Folge vorhersehbar. Allerdings unter der falschen Prämisse: Der schöne Heiko, seinerzeit Justizminister, konstruierte mit dem sogenannten Netzwerkdurchsetzungsgesetz ein drittklassiges Zensur-Dings, das durch Löschung und Sperrung gegen den auf Facebook kursierenden „Hass“ und die „Hetze“ vorgehen sollte. Um die Ermittlungsbehörden zu entlasten, wurde die staatliche Aufgabe flux an die Bertelsmann-Tochter Arvato outgesourct. Die löscht und sperrt nach einem für Laien kaum ersichtlichen Schema. Ob es jetzt hauptsächlich Rechtsradikale, Linksradikale oder Islamfaschisten trifft, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle: Wenn Zensurgesetze von Ländern wie Russland kopiert werden, sollte sich jeder Demokrat fragen, ob sie wirklich sinnvoll sind. Viele Facebook-User halten sich daher – auch wenn das Gesetz selten angewandt wird, angewendet werden muss – neuerdings mit Posts zurück oder wenden sich privateren Netzwerken zu. Einfach weil der große Bruder seit Anfang 2018 immer auf der Schulter sitzt. Zwar gilt hier auch das NetzDG, einzig: Die anderen Netzwerke sind unpolitischer oder fliegen unter dem Radar.

NetzDG: Eine Ansammlung von Schund wie bei Facebook ruft die Behörden auf den Plan. (Bild: Alexas_Fotos/Pixabay)

NetzDG: Eine Ansammlung von Schund wie bei Facebook ruft die Behörden auf den Plan. (Bild: Alexas_Fotos/Pixabay)

Was bleibt, sind Kuschelkram und Visual-Statements

Wohl auch deshalb hat sich die erste Garde der Facebook-Nutzer anscheinend schon aus dem Netzwerk verabschiedet. Was bleibt, ist die Einhorn-Sinnspruch-Fraktion, die Kuschel-Liker und die Merkel-Motzer. Angeblich ist Instagram derzeit das Mode-Netzwerk, aber ich glaube, auch hier sind die wichtigen User bereits weitergezogen. Auf Twitter passiert noch einiges, allerdings in einer eng gesetzten Goodman-Feelgood-Filterblase.

All das sorgt dafür, dass User wie ich, die Facebook eigentlich immer mochten, die Twitter aus vielen Gründen anstrengend finden und Google Plus nie wirklich genutzt haben, keine Social-Network-Heimat mehr haben. Klar: In der digitalen Ödnis, die Facebook inzwischen darstellt, kann man immer noch aktiv sein. In den zahlreichen Gruppen gibt es zumindest ein bisschen Feedback, doch wer in seiner Timeline postet und sich traurig selber gefällt, um wenigstens ein wenig Gewichtung gegenüber all dem Schrott zu bekommen, muss damit rechnen, ignoriert zu werden. NetzDG und schräge Vögel haben darauf nur wenig Einfluss, vielmehr scheint es, als würde Facebook selbst gerade daran arbeiten, möglichst bald von der Bildfläche zu verschwinden.

Über den Autor

Christian Rentrop

Christian Rentrop

Freier Journalist, Baujahr 1979. Erste Gehversuche 1986 am Schneider CPC. 1997 ging es online. Seither als Blogger und Journalist in Totholzwäldern, auf digitalen Highways und manchmal in der echten Welt unterwegs.
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Kommentare

  • Dann wäre es doch ein Akt der Gnade, den Kackladen zu verlassen, statt Hundebilder zu posten, und traurige Smileys weil’s so öd und leer ist – Du gemeiner Mensch verlängerst doch nur das Leiden. Sage Dich los, mach einen Schnitt und gehe! Ich erwarte Dich auf der anderen Seite. Zur Begrüßung gibt’s auch Blumenkränze.

  • Der einzige Mensch, dem das völlig Wurst sein, wird, ob sein kleines Raubtier im Zoo landet, ist Herr SugarMountain, weil er sich damit nicht nur dumm sondern auch dämlich verdient hat. (Langzeitstrategie aufgegangen…)

  • So geht es doch mit jedem „Paradies“. Wenn die Massen und der Kommerz kommen, ist es keins mehr.

    Ich habe bei FB unter anderem nie mitgemacht, weil ich die Rechte an meinen eigenen Bildern an FB automatisch abtreten sollte. Ich vermisse bis heute nichts. Meine kurze Erfahrung mit G+ war reine Zeitverschwendung. Bin gespannt wo ihr jetzt alle hingeht… ehrlich.

    • Es wäre wohl an der Zeit, dass ein gutes Startup das Facebook-Konzept überdenkt, überarbeitet und uns ein neues soziales Netzwerk schickt, das den Namen auch verdient. Derzeit ist Facebook ja mehr ein „asoziales Netzwerk“ ;)

  • Ich gehöre zu der Riege der „vor 1965 geborenen“. FB ab ich mir mal eine zeitlang angesehen, aber konnte keinen produktiven Nutzen erkennen, ausser viel Gelaber.

    Das einzige Social Media Instrument ist Whatsapp, weil es so schön die alte SMS ersetzt. Ansonsten halte ich es lieber mit „Real Socializing“, das hat deutlich mehr Wert.

    Übrigens:
    Vor ca. 4 Jahren war ich von diesem „Erreichbarkeitswahn“ derart angenervt, daß ich wieder den Zustand des Jahres 1980 hergestellt habe:
    – Telefon hat keinen AB
    – Wenns klingelt, und ich bin gerade abwesend, dann ist das so…
    Mittlerweile habe ich kein Festnetz Telefon mehr und Smartphone ist nur während der Arbeitswoche scharf geschaltet; ansonsten auf lautlos.

    Und?
    Es funktioniert! Damals haben wir auch hervorragend damit gelebt und heute geht das genauso.

    • Das ist eine wunderbare Methode. Berufsbedingt kann ich mich aber leider nicht derart abkanzeln. Nein, ich MUSS den ganzen Schmu, von Facebook bis Instagram, irgendwie füttern. Es wäre gut, wenn es ein „Allround-Netzwerk“ gäbe, aber da ist dann wohl der Datenschutz das allergrößte Problem.

  • Ich bin gerade echt erschüttert! Es geht mir eins zu eins genauso…also haargenau
    Aber das Löschen des Accounts konnte ich irgendwie doch noch nicht über mich bringen. Vielleicht ist es die Hoffnung, dass es doch noch mal besser wird, vielleicht aber auch um „Leute im Blick behalten, die man zwar mag, aber mit denen man weder telefonieren, noch chatten will.“ .
    Toller Beitrag!

    Btw Ich habe auch noch keine Alternative gefunden…

    • Die Jugend tummelt sich wohl auf Instagram. Aber wirklich verstanden habe ich das nie, denn die dort erforderliche Aufmerksamkeitsspanne entspricht einem Fliegenschiss. Bei Twitter kann man ja wenigstens noch diskutieren, aber Insta? Puh…

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