Hardware

Plötzlich langsam! Warum Ihr keine billige SSD kaufen solltet

Eine billige SSD kann eine gute Investition sein. Bei vielen Daten kann das vermeintliche Schnäppchen aber zum Problem werden.

Im Rahmen des Black Friday gönnte ich mir eine neue SSD, eine Crucial X8. Die wollte ich als Speichererweiterung für meinen iMac nutzen: Daten, die ich selten brauche. Hier lagere ich etwa Filme, Installations-Medien für verschiedene MacOS, Windows- und Linux-Versionen oder auch Musik (etwa Kinderlieder für den Hörbert), die ich nicht in der Apple-Music-App haben möchte. Dummerweise entpuppte sich die SSD nach einigen Minuten als lahme Ente.

Das Problem war folgendes: Um die SSD in Betrieb zu nehmen, musste ich die Daten von der alten auf die neue SSD umkopieren. Rund 300 Gigabyte sollten ihren Weg auf die neue, vermeintlich deutlich schnellere SSD finden. Nach einigen Minuten schnellen Kopierens brach die Datenrate aber plötzlich und unerwartet ein: Statt der versprochenen 1000 MB/s lieferte die SSD nach rund 200 Gigabyte plötzlich Datenraten, über die jeder billige USB-Stick lachen würde.

Billige SSD plötzlich langsam. Und dann wieder schnell?

Ein Check mit Blackmagic Disk Speed Test zeigte: Die SSD kopierte Daten mit gerade einmal 40 Megabyte pro Sekunde – jede mechanische Festplatte ist deutlich schneller! Auch Ab- und Ansteckend oder eine Neuformatierung lösten das Problem nicht: Die SSD blieb langsam.

Kurioserweise wurde sie dann – nach einer gewissen Wartezeit – wieder flott. Es wirkte fast so, als sei irgendein Cache fehlerhaft. Dennoch lautete mein vorschnelles Urteil „SSD kaputt!“, und so ging das Black-Friday-Schnäppchen wieder zum Händler zurück.

Die Erkenntnis: Die SSD war nicht kaputt

Erst anschließend – ich hatte das Paket gerade in die Packstation gesteckt – kam mir in den Sinn, dass der vermeintliche Fehler möglicherweise technisch begründet sein könnte: Hersteller sparen bei günstiger Hardware ja gerne an nicht so offensichtlichen Stellen – und die wenigsten Normalnutzer dürften auf einen Rutsch 200 Gigabyte auf eine nagelneue SSD kopieren.

Ich stieß recht schnell auf diesen Beitrag von ProVideo Coalition, einer Website für professionelle Videografen: Der Autor Iain Anderson erklärt hier die Ursachen für langsame Datenraten bei SSDs.

Er verweist auf einen Test der Samsung T7 bei Tom’s Hardware, auf dessen zweiten Seite eine Grafik gezeigt wird, die das Problem recht deutlich zeigt: Bei der Samsung T7 bricht nach einer Weile konstanten Schreibens die Datenrate ein, ebenso bei vielen anderen SSDs dieser Preisklasse. Auch meine X8 ist in der Grafik – und der Einbruch bei 190 Gigabyte deckt sich mit meinen Erfahrungen.

Deutlich erkennbar: Bei dauerhaftem Schreiben brechen bei vielen günstigen SSDs die Schreibraten mehr oder weniger stark ein (Bild: Tom‘s Hardware)

Billige SSD: Der Speicher ist die Ursache

Die Ursache ist nicht etwa der Anschluss oder das Betriebssystem, nein: Die SSD-Speichermodule an sich sind das Problem: Hohe Kapazitäten und niedrige Preise haben bei SSDs eine ähnliche Entwicklung wie bei mechanischen Festplatten – Stichwort CMR/SMR, Ihr kennt es vielleicht von Eurer NAS – in Gang gesetzt.

In the NAND chips that make up an SSD, older drives used SLC (Single-Level Cell) technology, storing one bit per cell. Since then, we’ve moved through MLC (2 bits/cell), TLC (3 bits/cell) and we’re at QLC (4 bits/cell), increasing data density and lowering cost. Writing data to these more complex cells takes longer, and a common way to improve speeds is to write to a small amount of faster SLC cache first, then rewrite it to the denser, slower storage areas. (Some drives can cheat, writing to dense QLC cells as if they are SLC cells, but this only works well when the drive is empty.)

Iain Anderson, ProVideo Coalition

Billige SSDs „pfuschen“ demnach im Prinzip beim Speicher: Ein Teil ist moderner, ein Teil „altmodischer“ und schneller, sprich: SLC/MLC und TLC/QLC-Zellen werden kombiniert, wobei schneller (und teurer) Single-Cell-Speicher nicht nur als Lagerstätte, sondern auch als eine Art Cache dient, der modernere Speicher nur als Lagerstätte. Ist der schnelle Speicher voll, bricht die Datenrate ein.

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Beim Kopiereren kleinerer Datenmengen merkt Ihr davon deshalb nichts: Die SSD nimmt die Daten zunächst schnell an und schreibt sie dann bei Bedarf intern auf den langsameren Zellentyp. Das wiederum hatte bei mir den Effekt zur Folge, dass ein Formatierung keinen Unterschied machte: Die SSD war intern anscheinend noch mit Datenschieben beschäftigt. Als sie fertig war, war sie wieder flott, weil der flotte Speicher wieder Daten annehmen konnte. So jedenfalls erkläre ich mir das Problem.

Was tun gegen plötzlich langsame SSDs?

Grundsätzlich gibt es zwei Lösungen für das Problem: Entweder, Ihr greift weiterhin zu billigen SSDs und spart einfach mit den Datenmengen, die Ihr auf die SSD kopiert: Normale Nutzer dürften hier keine Probleme haben, denn Datenmengen über 100 Gigabyte am Stück dürften hier eher selten anfallen. Auch in der privaten NAS sind solche SSDs problemlos nutzbar. Betroffen sind auch nicht alle günstigen SSDs, auch die Stärke des Einbruchs und die Menge der dazu nötigen Daten ist oft sehr unterschiedlich.

Anders sieht es bei Pro-Nutzern aus, die viel mit Foto-Mediatheken oder Schnittprogrammen und den entsprechenden Mengen an Video- und Fotomaterial arbeiten: Hier fallen schnell riesige Datenmengen an, wodurch der Effekt in diesem Bereich sehr schnell auftritt und die Arbeit unnötig verlangsamt oder, je nach Hard- und Software-Ausstattung, sogar eine Weile unmöglich macht.

Pro-User sollten zu Profi-SSDs greifen

Hier hilft nur der Griff zur schnelleren, teureren SSD: Alle Hersteller haben auch Profi-Modelle im Sortiment. Die sind durch den höherwertigen Speicher rund 50 – 100 Prozent teurer, haben aber nicht mit der plötzlichen Verlangsamung bei größeren Datenmengen zu kämpfen. So ist eine Samsung T9 deutlich resilenter als eine Samsung T7, eine SanDisk Pro einer normalen SanDisk-SSD vorzuziehen. Wie Euer Lieblings-Hersteller seine Pro-Linien labelt, könnt Ihr auf der jeweiligen Hersteller-Website nachlesen.

Ich für meinen Teil brauche die SSD derzeit nur als Datengrab, weshalb ich bei nächster Gelegenheit wieder eine billige SSD kaufen werde. Allerdings kenne ich den Effekt jetzt und weiß: Für Videoschnitt und andere aufwändige Arbeiten sollte ich zu einem Pro-Modell greifen.

Christian Rentrop

Diplom-Journalist, Baujahr 1979. Erste Gehversuche 1986 am Schneider CPC. 1997 ging es online. Seither als Schreiberling in Totholzwäldern und auf digitalen Highways unterwegs. Öfter auch auf der Vespa oder mit dem Wohnwagen unterwegs. Seit 2020 Tochtervater, dementsprechend immer sehr froh über eine kleine Kaffeespende.

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