Meinung

Data Becker, 00er, PC Pr@xis: Wie entsteht eigentlich eine Heft-DVD?

Covermount-CDs waren nicht bloße Beilagen, sondern Verkaufsargumente - und bisweilen Offline-Internet

Die Yps wollten Kinder in den 80ern wegen der Gimmicks. Und Computer-Zeitschriften wollten Erwachsene wegen der beiligenden CDs/DVDs, der Covermounts. Bei uns jedenfalls galt sie neben den ein, zwei großen Aufmacher-Themen als Hauptverkaufsargument. Filme, Vollversionen, Updates - aber wie entsteht so ein Ding?

Zur Kolumne "Data Becker, 00er, PC Pr@xis".

Ein Covermount besteht im Grunde aus drei Teilen: Ein paar Seiten im Heft, mit Inhaltsverzeichnis und ein paar Beschreibungen von Highlights. Das Design der CD/DVD selbst, gegebenenfalls sogar einer eigenen Hülle. Vor allem aber: Software, Filme und sonstige digitale Inhalte - und natürlich eine Nutzeroberfläche.

Heft-Inhalt und CD-Design sind schnell abgehandelt: Ersteres habe ich meist an einem halben Tag zusammengeschrieben, 4 fix erledigte Seiten, unspektakulär.

Das Design von CD/Hülle und Nutzeroberfläche wurde in der Grafikabteilung nach meinen inhaltlichen Vorgaben gebaut, da musste ich "nur" redigieren und testen. Allerdings: Wenn man Inhaltsverzeichnisse mit Dutzenden Tools hat, alle mit Versionsnummern und obskuren Schreibweisen, geht da schon eine Menge Zeit drauf. Und nur darum konnte wohl auch mein Fettnäpfchen-Einstieg so stattgefunden haben, dieser Kleinkram war schlicht fehleranfällig.

Der Inhalt der CD ist natürlich der spannendste Part. Wie genau wir an all die Inhalte gekommen sind, erzähle ich in der nächsten Episode - und ich prophezeihe schon mal: Wenn ums Budget geht, schlackern die Ohren ;)

In der Regel reden wir hier von einer Mischung aus Free- und Shareware-Programmen, freier Software, hier und da Updates und Infotainment-Produkte, Linux-Distributionen und später zunehmend auch Filme.

Entstehungsprozess

Aber hier soll es ja erstmal um die Entstehung gehen.

Schritt 1: Ideen und Wünsche. Bevor es wirklich losging, wurden in der Themenkonferenz Ideen für Inhalte gesammelt. Zum einen Dinge, die die CD selbst aufbieten sollte, zum anderen Software, die zu den einzelnen Artikeln im Heft gehörte.

Schritt 2: Besorgen. Es folgte die eigentliche Arbeit, das Besorgen der Software. Bei Open-Source-Software ist es einfach, da müssen im Grunde nur die Homepages korrekt verlinkt werden. Bei Free- und Shareware hat sich schon die Spreu vom Weizen auf Anbieterseite getrennt: Gute Entwickler haben schon in ihren Nutzungsbedingungen oder im Pressebereich ihrer Homepages Infos geliefert, ob und wie ihre Werke auf Covermounts genutzt werden durften. Sprich: Ich habe in meinem Leben vermutlich sehr viel mehr EULAs, Terms of Service und dergleichen gelesen als die meisten anderen Menschen. Definitiv mehr als Kyle.

Und wenn es keine Infos gab: Hersteller anschreiben, um Genehmigung bitten, Vertrag unterschreiben lassen. Schon bei den Verträgen wurde es bisweilen schwierig. Mal handelte es sich um Hobbyentwickler, die sich mit Verträgen schwer taten (auch wenn da nur drin stand, dass wir das Produkt verteilen dürfen), mal kam Software irgendwo aus den Tiefen von Vietnam, wo man sich vielleicht nicht wirklich mit deutschen Verträgchen auskennt ... Sprich: Ich habe sehr viele Mails quer durch die Welt geschickt. Und oft genug haben wir Fünf gerade sein lassen und einfach auf gut Glück (oder sagen wir nach Erfahrung ...) Produkte mit aufgenommen.

Und dann natürlich der Horror Vollversionen. Vollversionen in Cover-Sprache: 3.333 Vollversionen - gemeint ist jede blöde Freeware. Vollversionen in Menschen- und Redaktionssprache: Kostenpflichtige Software, wie sie etwa im Saturn oder bei Amazon zu bekommen war, nur eben für lau. Wie genau wir daran kamen, folgt in der nächsten Episode. Die Kurzform: Verhandeln, feilschen, betteln.

Schritt 3: Produktion. Da mich das jeden 4. Freitag gekostet hat, verdient das ein eigenes Kapitel.

Produktion

PC-Zeitschriften wurden damals alle immer am (ich meine) ersten Freitag des Monats ausgeliefert - PC Praxis, Chip, PC-Welt und wie sie nicht alle hießen. Es gab also nie eine Möglichkeit, den Veröffentlichungstermin zu verschieben. Produziert wurde die CD den Freitag davor.

Bevor es technisch wird, musste die Sache mit dem Jugendschutz geklärt werden - die Teile sind nämlich alle freigegeben. Ich durfte mir also für jede Ausgabe, jeden Content die Genehmigung holen. In der Regel unproblematisch, im Grunde haben die nur Inhaltsverzeichnisse abgenickt. Da wir meist nur Anwendersoftware hatte, alles easy.

Nachdem also alles an Software da war, konnte ich endlich mit der CD selbst anfangen. Technisch hieß das erstmal: Alles in die Projektordner packen, als virtuelle CD mounten und komplett durchtesten.

Dann wird es vermutlich unerwartet ;) Denn dann habe ich im Büro, an meinem veralteten Rechner mit Röhrenmonitor samt Rosa-Stich, in einem 08/15-Brenner, mit der Software cdrtfe, das eigentliche CD-Image erstellt. Ein Vorgang, der mit der damaligen Technik gerne mal zwei, drei Stunden in Anspruch genommen hat, weil es immer wieder zu Fehler kam - zudem: Ich sage immer CD, aber ich habe glaube ich nur ein halbes Dutzend CDs gemacht, danach waren es DVDs mit über 4 Gigabyte Inhalt.

Dann musste wieder alles getestet und auf Malware gescannt werden, bevor das Image dann ans Presswerk ging. Im Presswerk wurde dann ebenfalls getestet, ein Gold-Master-Image erstellt, mir zur Abnahme geschickt, wieder testen, genehmigen - fertig. Nun, vom Presswerk mussten die Covermounts noch zum Hersteller der Hefte verschickt werden, um sie dort "einzuheften".

Jeder 4. Freitag

So ein Job als "PC-Journalist" dürfte für viele Computernerds von Romantik geprägt gewesen sein. Hier aber wieder mal ein Rant aus der Praxis. Von "Alle Programme für die DVD sind geklärt." bis zur Fertigstellung vergingen locker 6 Stunden. Eigentlich kein Problem, passt super in einen 8-Stunden-Arbeitstag.

Doch leider haben sich nicht alle Kollegen an die Deadline zur Abgabe von Software-Wünschen gehalten. Nun, eigentlich nur einer nicht, und dem war schwer zu widersprechen: Unser Chefredakteur kam leider ständig am Produktsionsfreitag nach der Mittagspause auf die Idee, Produkt XY müsse noch unbedingt auf die verfluchte DVD.

In einem heutigen, modernen, professionellen Arbeitsklima, hätte ein erfahrener Produktmanager einem empathischen Vorgesetzten mitgeteilt: Nö mein Lieber, wir haben keine flexiblen Arbeitszeiten, keine Arbeitszeiterfassung, einen Arbeitstag mit 8+1 Stunden und ich habe knapp 3 Stunden Arbeitsweg obendrein, vergiss es.

Es war aber nicht heute, nicht modern, nicht empathisch ... Jedenfalls habe ich dann irgendwann aufgegeben und mit der Produktion erst freitags nach Feierabend angefangen. Mit anderen Worten: Ich bin jeden 4. Freitag erst gegen 2:00 Uhr nach Hause gekommen. Und wie gesagt: Keine Arbeitszeiterfassung, keine Überstunden, kein Ausgleich. Romantik? Nope.

Naja, immerhin hat mir das eine halbe Stunde Heimfahrt eingespart, denn selbst zwischen Düsseldorf und Köln ist um 2:00 Uhr kein Stau :O

So, und nächste Episode geht es dann an die Mäuse - wie hoch schätzt Ihr das Budget für die Inhalte der Heft-DVD? Und nicht vergessen: Es war tatsächlich auf jeder Ausgabe Software, die zu der Zeit genauso im Handel verkauft wurde!

Wer das Budget bis auf den Euro genau schätzt, bekommt von mir Software im Gegenwert - das sollte ich auch nach so langer Zeit noch besorgt bekommen. Zur Not kaufe ich was.

Ob diesen Dingern irgendwann eine ähnliche Retro-Romantik zuteil wird wie Kassettenrecordern? Hmmm, nein.

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Mirco Lang

Freier Journalist, Exil-Sauerländer, (ziemlich alter) Skateboarder, Dipl.-Inf.-Wirt, Einzelhandelskaufmann, Open-Source-Nerd, Checkmk-Handbuchschreiber. Ex-Saturn'ler, Ex-Data-Becker'ler, Ex-BSI'ler. Computer-Erstkontakt: ca. 1982 - der C64 des großen Bruders eines Freunds. Wenn Ihr hier mehr über Open Source, Linux und Bastelkram lesen und Tutonaut unterstützen möchtet: Über Kaffeesponsoring via Paypal.freue ich mich immer. Schon mal im Voraus: Danke! Nicht verpassen: cli.help und VoltAmpereWatt.de. Neu: Mastodon

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