Das neue Macbook Pro 2016 mit Touch-Bar zeugt von Apples mangelnder Fähigkeit zur Innovation. Ein Abgesang von einem, den das wirklich traurig stimmt.

Es herrscht Apple-Krise! Seit 2003 verwende ich Apple-Produkte. Weil ich Windows XP unerträglich fand, Linux scheiße war und ich einen zuverlässigen Rechner mit ordentlicher Akkulaufzeit für die FH brauchte. Ich liebte die Teile: Auf ein iBook G3 folgte ein Powerbook G4, später ein 15″-Macbook Pro, diverse iMacs und so weiter. Diesen Artikel schreibe ich an einem Macbook Pro Retina mit 15″-Display von 2013. Und ich mag es. Wirklich. Nur: Die Zeiten bedingungsloser Liebe sind seit der Oktober-Keynote 2016 definitiv vorbei. Apple baut Mist – und das wunderbare Produkt Mac wird behandelt wie ein alter Fußabtreter. Manche Kommentatoren – etwa Sascha Pallenberg – schieben es auf Apple-CEO Tim Cook. Das ist aber nur die halbe Wahrheit.

Kein Rechner jünger als ein Jahr

Wir befinden uns im Jahr 2016 und ja: Der Hardware-Boom der 90er- und 00er-Jahre ist vorbei. Man braucht nicht mehr alle zwei Jahre einen neuen Mac oder PC, weil der alte sich unter den Anforderungen aktueller Software vor Prozessor-Hitze verbiegt. Meinen letzten iMac hatte ich vier Jahre, weil es keinen Anreiz gab, ihn durch ein aktuelleres Modell zu ersetzen. Das Macbook Pro, das ihm folgte, kaufte ich nur, weil ich mobil sein wollte. Ich werde ich wohl noch einige Jahre verwenden. Nur: Das ist kein Grund dafür, das Mac-Lineup so stiefkindlich zu behandeln. Der Mac Pro ist inzwischen 3,5 Jahre alt. Der iMac ein gutes Jahr. Der Mac Mini hat zwei Jahre auf dem Buckel. Nur das Macbook Pro – das wurde jetzt nach fast 18 Monaten wieder aktualisiert. Über das neue Modell wurde viel gesagt: Ich finde die Änderungen zum Vorgänger auch grundsätzlich gut. Der Touch-Bar mag gewöhnungsbedürftig sein, macht aber Sinn. Und Thunderbolt 3 ist schlicht grandios. Die Preis-Vorgabe im Verhältnis zur Hardware-Ausstattung ist aber schlichtweg eine Frechheit: Das 15″-Einstiegsmodell soll mit 256 GB Speicher und 16 GB RAM satte 2.700 Euro kosten. Und eigentlich keine Geräteklasse kann dank Adapter-Chaos noch an die andere angeschlossen werden. Sagt mal, spinnen die eigentlich in Cupertino?

Phil Schiller "erklärt" das neue Macbook Pro.

Phil Schiller „erklärt“ das neue Macbook Pro.

Macs waren schon immer teuer, aber…

Ich weiß noch genau, was ich für mein erstes iBook G3 anno 2003 bezahlt habe. Es war damals sauteuer: 1799 Euro sollte das Traummodell regulär kosten, ich habe es zwei Scheine günstiger über den Edu-Shop Mac@Campus erstanden. Trotzdem musste ich als Student lange darauf sparen. Damals waren selbst trashige Vobis-Laptops ohne Akku (!) nicht unter 1000 Euro zu haben. Von Netbooks, gar Tablets, hatte noch niemand gehört und der Standard-PC war ein großer, lauter Staubfänger im Tower-Format. Insofern waren die 600 Euro Mehrpreis für den Mac damals gut investiertes Geld. Unter Steve Jobs wurden Macs dann nach und nach günstiger. Mein 2006er Macbook Pro der ersten Serie ging – wieder über den Studentenausstatter – für deutlich unter 2.000 Euro in meinen Besitz über. Der reguläre Listenpreis lag bei 2.099 Euro. Die Mehrwertsteuer betrug damals allerdings noch 16%. Der Einsteiger des brandneuen Technlogie-Wechsels kostete 2006 also 1809 Euro netto. Das aktuelle Modell: 2268 Euro netto. Selbst mit Inflation und Dollar-Wechselkurs ist dieser Preisunterschied von fast 450 Euro nicht zu erklären. Auch die Hardware dürfte in Entwicklung und Produktion kaum teurer sein als seinerzeit. Woher kommt also dieser satte Preisanstieg von über 25 Prozent, während alle anderen Produkte im IT-Bereich eher billiger geworden sind?

Selbst mit Inflation und Dollar-Wechselkurs ist dieser Preisunterschied von fast 450 Euro nicht zu erklären.

Wo ist die Henne, wo das Ei?

Ich habe da einen finsteren Verdacht: Man könnte meinen, Apple will die Fanboys melken. Apple agiert nach dem sinnfreien, aber bei Zahlenschubsern beliebten Prinzip: „Die Umsätze und Verkaufszahlen sinken? Dann machen wir doch unser heiß begehrtes ‚Premium-Produkt‘ einfach noch teurer!“ Ich kenne diverse Firmen, denen diese „Management“-Idee den Boden unter den Füßen weggerissen hat. Aber das ist eine andere Geschichte. Schaut man sich die Quartalszahlen Q4/2016 von Apple an, stellt man fest, dass der Mac siecht: 4,8 Millionen Macs wurden weltweit verkauft, ein Jahr zuvor waren es noch 5,7 Millionen – jeweils vor der Oktober-Keynote. Die Zahlenschubser bei Apple interpretieren das damit, dass das Konzept „PC“, also „Mac“, überholt sei – schließlich verkaufen sich iPad und iPhone ja deutlich besser. Das wiederum zeigt mir, dass bei Apple die Anzüge die Macht übernommen haben. Vom niedrigeren Preis für diese Geräte abgesehen sind es schlicht andere Geräteklassen, die andere Aufgaben erfüllen, aber einen Mac eben nicht ersetzen können. Zumal es bei bei den iDevices in den letzten zwei Jahren nur deshalb noch ein Wachstum stattfand, weil hier noch gewisse Innovationen möglich waren. Das ist aber, Stichwort iPad Pro und iPhone 7, jetzt auch vorbei. Es gibt de facto keinen Grund mehr, warum man das jeweils neueste Gerät kaufen sollte.

Der Gipfel der Entwicklung scheint irgendwie längst erreicht.

Man kauft nicht mal eben neu – weil es keinen Grund gibt

Gleichzeitig wird das Mac-Lineup nicht gepflegt. User wie ich warten auf neue Modelle, bevor sie kaufen – und die wollen einfach nicht kommen. Kommen sie doch, ist der Mehrwert im Anbetracht des Preises so gering, dass man lieber die alte Kiste weiterverwendet – übrigens ein Problem, das gerade die gesamte IT-Branche erfasst hat. Oder wann habt Ihr den letzten Drucker, die letzte Digitalkamera, den letzten Fernseher oder den letzten Bildschirm gekauft? Meine Sachen sind alt, aber noch wunderbar – der Gipfel der Entwicklung scheint irgendwie längst erreicht. Dummerweise glaubt Apple jedoch, dass sich die Macs wegen des Konzepts „Personal Computer“ nicht mehr verkaufen und pflegt sie nicht. Gleichzeitig glaube ich als User, dass Preis- und Update-Politik auch viele Nutzer davon abhalten, sich „mal so eben“ einen neuen Mac anzuschaffen, zumal einen, der schon zwei Jahre auf dem Buckel hat. Ein klassisches Henne-Ei-Problem, das sich bei Apple gerade in einen soliden Teufelskreis verwandelt: Denn außer harten Fanboys überlegt sich jeder dreimal, ob er seinen aktuellen Mac gegen ein neues Modell ersetzen mag. Harten Fans ist das egal. Ich als weicher Fan denke mir: Nope, warte ich halt auf die nächste Generation. Und notfalls auch auf die übernächste.

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Die Innovation: Ein eingebautes Mini-iPad. Buh!

Die Intel-Macs sind zu langlebig

Das geht problemlos, weil die Intel-Macs der letzten Jahre fast schon zu gut sind: Seit dem Wechsel zum Unibody-Gehäuse halten sie ewig. Nach Jahren der Nutzung sieht man ihnen die Arbeit – außer an den Akku-Zyklen – kaum an. Und auch in Sachen Rechenleistung fehlt seit Jahren die Killer-Applikation, die alten Rechnern den Garaus macht. Hätte Apple nicht per geplanter Obsoleszenz alte Macs nach und nach aus dem Update-Zyklus für neue Betriebssysteme herausgenommen, würde das aktuelle MacOS Sierra – ein bisschen technische Optimierung vorausgesetzt – auch problemlos auf einem 2006er-Macbook laufen. Es läuft ja auch auf 2010er-Macbook-Airs, die hardwareseitig kaum besser ausgestattet waren – und vielerorts noch immer klaglos ihren Dienst verrichten. So gesehen scheitert Apple bei den Macs gerade an der eigenen Qualität.

Apple scheitert bei den Macs gerade an der eigenen Qualität.

Den iDevices droht der gleiche Schock

Die schwachen Verkaufszahlen des iPads deuten darauf hin, dass auch dieses Device den Mac-Weg einschlagen wird: Die fehlende Neuauflage des inzwischen zwei Jahre alten iPad Air 2 deutet deutlich in diese Richtung. Denn das iPad Pro ist derzeit bestenfalls eine distinguierende Spielerei für Menschen, die schon alles haben. Und das iPhone? Nun: Das ist (noch) Mode und Apples Lieblingskind – aber auch hier ist der Markt längst gesättigt und die Konkurrenz stark. Das iPhone hatte seinen Zenith bereits mit dem iPhone 6 erreicht, Das iPhone 7 dürfte den endgültigen Höhepunkt markieren: Es ist wasserfest (nicht: dicht!), schlank, hochauflösend – und auf Jahre für normale Smartphone-Anwendungen geeignet. Wie das iPad – und nicht zuletzt die Macs der letzten Jahre.

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Tim Cook ist stolz… ja, worauf eigentlich?

Ist Microsoft das neue Apple?

Dass es trotz stagnierender Hardwareleistung, trotz des Fehlens von Killeranwendungen immer noch möglich ist, teure Geräte mit Wow-Faktor an den Mann zu bringen, zeigt ausgerechnet Microsoft: Die nur einen Tag vor dem Apple-Event abgehaltene Keynote des Software-Riesen strotzte nur so vor Wow-Effekten. Vor Hardware- und Software-Innovationen, die einen „Habenwollen“-Effekt auslösen. Das war früher der Part von Apple. Das war früher der Grund, warum man sich trotzdem das neueste Macbook, iMac, iPod, iPhone oder iPad kaufen wollte. Diese Zeiten sind vorbei, schon länger. Nach dem Tod von Steve Jobs haben mit Tim Cook die Zahlenschubser das Kommando bei Apple übernommen. Man bleibt lieber bei seinen Leisten, statt Geld und Hirnschmalz in riskante Innovationen zu investieren. Stattdessen lebt man von der Coolness, die Apple sich in den Nullerjahren unter dem großen Gründervater Jobs (wieder) erarbeitet hatte. Anzüge neigen dazu, zu glauben, dass sie nur in der richtigen Firma arbeiten müssen, um von Menschen geliebt zu werden. Das Beispiel Apple zeigt, dass dem nicht so ist: Aus diplomierten Zahlenschubsern und piefigen Ingenieuren werden nicht automatisch cholerische Think-Different-Hippies, wenn sie den Apple-Mitarbeiterausweis erhalten.

Sorry, Tim, aber Du kannst es nicht.

Sorry, Tim, aber Du kannst es nicht.

Die Zukunft muss einen neuen Jobs bringen

Ein Insider sagte mir einmal, dass Apple im Kern trotz seines Wachstums ein Mittelständler geblieben ist. Trotz tausender Mitarbeiter tickt man nicht anders als die zahllosen kleinen Firmen, die nur und ausschließlich vom Geschäftssinn und der Liebe ihres Gründers abhängen. Die den Sprung in die nächste Generation nicht schaffen, weil mit dem Verlassen des Firmengründers auch die Seele des Unternehmens stirbt. Apple ist ein gutes Beispiel: Steve Jobs ging zweimal – einmal, weil er von den Anzügen aus seinem eigenen Unternehmen geschmissen wurde. Und einmal, weil er verstarb. Die aktuelle Entwicklung bei Apple ist durchaus vergleichbar mit der, die Apple nach Jobs erstem Weggang durchmachte. Am Ende stand ein Unternehmen, das sich aus Eitelkeit selbst zugrunde gewirtschaftet hatte. So sehr, dass Konkurrent Microsoft einspringen musste. Das werden wir wieder erleben, sofern Apple nicht irgendwo einen neuen Steve Jobs ausgraben kann, der die Fäden zusammen hält und genug Macht besitzt, wie ein Firmen-Patriarch jederzeit alle Regeln und Dogmen umzuwerfen und neu zu denken. Das konnte Jobs, das durfte Jobs – und diese Eigenschaften und diese Macht fehlen dem gesamten aktuellen Führungsstab. Da darf niemand nachrücken, da muss jemand Neues her. Nur dann wird Apple sich selbst neu erfinden können. Andernfalls droht der Untergang.

Ich habe Angst vor Apples Niedergang

Für mich bedeutet das vor allem eines: Ich muss mich an den Gedanken gewöhnen, vielleicht eines Tages doch wieder an einem Windows-PC oder Linux-Notebook zu arbeiten. Denn das, was ich gerade bei Apple sehe, ist der totale Niedergang. Die lausige Pflege des Macs ärgert mich persönlich massiv, zumal unter Cook nicht eine wirklich neue Idee auf den Markt gekommen ist. Linux ist für produktives Arbeiten nach wie vor keine Alternative, Android leidet unter den gleichen Problemen wie iOS. Und Windows 10? Ja, das mag ich. Aber ich traue Microsoft nicht über den Weg. Sicher: Bis es so weit ist, wird noch etwas Zeit ins Land ziehen. Mein aktueller Mac wird noch eine Weile arbeiten und auch die Zahlen von Apple stimmen noch. Die Frage ist allerdings: Wie lange wird das noch der Fall sein?

Dieses Video bringt es auf nette Weise auf den Punkt:

Über den Autor

Christian Rentrop

Technikjournalist und Schreiberling aus Überzeugung. Schon als Zweitklässler 1986 mit dem Amstrad CPC angefixt, habe ich mich immer für Computer und Technik interessiert und finde: Computer sind nichts, wovor man Angst haben sollte.

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