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Torchlight III – Die Fackel ist aus

Im Bild: Torchlight II vs. Torchlight II + Mods vs. Torchlight III

Torchlight war für mich das beste Hack&Slash nach Titan Quest (Diablo ging an mir vorbei). Großartige Grafik, sofern man es comichaft steampunkig mag. Eine vernünftige Geschichte, ohne mit 12 Stunden Videosequenzen gelangweilt zu werden. Ein Skill- und Charaktersystem mit gerade eben genügend Tiefe. Myriaden großartiger Sprüche, Begleiter und temporärer Minions. Ein nicht nervendes Inventar! Gut vergleichbare Gegenstände – wenn man gerne mal zwischendurch 10 Minuten Stats anguckt. Sehr flüssiges Gameplay, sehr unterschiedliche Bosse, große generische Karten auf denen man sich nicht ständig verläuft und last but not least dank vorgeschaltetem Mod-Manager enorm hoher Wiederspielwert! Torchlight III war das erste Spiel meines Lebens, bei dem ich mich als Beta-Tester und dann Early-Access-Spieler angemeldet habe, trotz Multiplayer only Geld ausgegeben habe, sämtliche miese Kritiken ignorierte und final dermaßen enttäuscht wurde, dass ich mich genötigt fühle, darüber zu schreiben.

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Torchlight I -> II

Zugegeben, einige der oben aufgeführten tollen Dinge aus dem Torchlight-Universum kamen erst in Teil 2 hinzu, beispielsweise wurde das Inventar massiv verbessert. Torchlight I war im Grunde ein kleiner, liebevoller Diablo-Klon im bunten Steampunk-Gewand und kam daher wie eine große Indy-Perle. Es war nicht so komplex wie man es von manch anderem Titel kannte, die Grafik nicht so ausgefeilt wie bei Titan Quest – aber Balance und Gameplay passte schon damals.

Torchlight I von 2009: Tolle Grafik, flüssiges Gameplay, massig Loot, Items und Stats – das Torchlight-Fundament.

Teil 2 war einfach eine konsequente Verbesserung und ist dank des Mod-Managers bis heute immer wieder spielbar. Freilich ist auch bei Torchlight II nicht alles perfekt – aber Dinge wie Inventar und einfacher Wechsel von Gefährten lassen sich mit Mods wunderbar aufmotzen. Es ist ein großartiges Spiel, das ich jedem empfehlen kann, der sich mit der comichaften Steampunkgrafik anfreunden kann und nicht auschließlich in dunklen Höhlen herumkrauchen will.

Wenn ich im Folgenden von Torchlight II spreche, meine ich die hier laufende Variante mit SynergiesMOD und Torchlight II Essentials – zwei kostenlosen Mods, die Charakterklassen, Monster, Gameplay, Karten und so weiter massiv erweitern.

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Frontiers -> III

Die ganze Geschichte hinter Torchlight III ist unerfreulich lang, die Ultrakurzfassung: Torchlight III wurde als Torchlight Frontiers entwickelt, ein reiner Multiplayertitel, der sich verzögerte und verzögerte und verzögerte. Und was es zu sehen gab, erfreute letztlich wenig. Also wurde kräftige umgebaut und gewerkelt und letztlich in Torchlight III umgelabelt. Und Torchlight III hat seit dem offiziellen Launch am 9. Oktober auch kein MMOPRG mehr, sondern ein Singleplayer-Titel, auch wenn es nach wie vor die Multiplayer-Option gibt.

Die Grafik ist nach wie vor typisch Torchlight, große Unterschiede gibt es da nicht.

Character-Auswahl: Derzeit gibt es drei – bei Torchlight II mit Mods sind es derzeit 11. Eine erste Vereinfachung, aber vielleicht tut sich da ja noch was.

Im Grunde spielt es sich anfangs auch wie ein echtes Torchlight, soooo groß wie die vielen vernichtenden Steam-Meinungen es implizierten scheint der Unterschied nicht. Aber … Nun, es zeigt sich schnell, dass eben doch einiges anders ist. Das beginnt mit dem Wegfall des obligatorischen Manas, um das man sich schon mal nicht kümmern muss. Immerhin haben die unterschiedlichen Charaktäre dafür Dinge wie „Munition“ oder „Hitze“ für ihre Spezialfähigkeiten (wie man sie in Torchlight II von diversen Skills aber auch kennt). Verblüffend: Der gesamte Character-Bereich ist auch weg, die Werte werden nur noch über Items und Skills gesteuert. Auch hier wurde vereinfacht.

Die Leisten im direkten Vergleich.

Das Skilling ähnelt dem der Vorgänger, ist aber ebenfalls vereinfacht worden: 24 statt 30 Skills – wieder weniger Tiefe.

Auch beim Gameplay ist es einfacher geworden – zumindest bislang verhalten sich Gegner doch eher uniform.

Das Inventar nervt extrem: Es ist klein und man kann ungewollte Items nicht auf den Boden werfen – man muss irgendwohin reisen und sie verticken. Immerhin kann man den Begleiter zum Verkaufen in die Stadt schichen. Einkaufen kann er nicht mehr und sein Inventar ist jetzt beim Character-Inventar untergebracht. Letztlich auch hier: Vereinfachung (vor allem für kleinere Bildschirme?).

Selbst die Items sind unrund: Auch nach 4 Stunden habe ich noch keinen Helm gefunden, nix für die Schultern – aber etliche Stufe-5-Items, die scheinbar schlechter sind als Stufe-1-Items mit identischem Namen … Scheinbar, weil zum Beispiel bei Rüstung kein Basiswert angegeben wird. Normalerweise haben Rüstungs-Items zum Beispiel sowas wie „10 Rüstung“ und wenn es zum Beispiel eine magische Rüstung ist „10 Rüstung +5 Mana +5 Gelbesockendesgroßengottes.“ Torchlight III gibt lediglich diese +-Werte an. Wenn nun beispielsweise der Gegenstand „Supersocke Stufe 1“ den Wert „+10 Abwehr“ hat und „Supersocke Stufe 5“ den Wert „+30 Gesundheit“, dann ist das etwas schwierig zu vergleichen. Abermals: Eine Vereinfachung.

Und dann gibt es da noch das Fort: Ihr habt ein persönliches Fort, wo Ihr Ställe für Gefährten oder Werkstätten bauen könnt – vielleicht wird das nach 100 Stunden Spielzeit relevant, eigentlich ist es nur störend. Wer auf Blingbling steht und seine Zeit mit In-Game-Dekoration verbringen will sollte sich lieber die Sims kaufen. Die können wenigstens poppen ;)

Die Story hingegen stört überhaupt nicht – sie geht einfach an einem vorbei. Schon Torchlight II hat nur mit simplen Animationen und guter Erzählung gearbeitet, aber das hat gereicht, um das Minimum an Story zu etablieren, das seriösen Hass auf die Monsterhorden schürt. Bei III wird eigentlich nur darauf hingewiesen, dass es da irgendwo doofe Monster gibt … Und auch die Nebenquests jucken nicht, alles ziemlich belanglos. Again: Vereinfachung.

Dafür kann man sich besser verlaufen ;) Mal heißt es „Gehe zum Abgrund“ und nirgends auf der Karte gibt es einen Hinweis, wo dieser denn sein könnte. Mal kann man am eigentlich Ziel vorbeilatschen und mehrere Quadratkilometer Karte von Monstern befreien, nur um dann zurücklaufen zu müssen und die befreiten Gegenden später erneut durchqueren zu müssen – ganz ohne Gegner. Passiert in Torchlight II auch, aber weniger. Immerhin: Die Map-Einblendungen selbst sind deutlich hübscher geworden.

Es gäbe noch mehr Dinge, die nicht ganz einleuchtend sind. Warum lässt sich zum Beispiel die Leiste mit Fähigkeiten nicht mehr manuell bestücken? Warum können einhändige Waffen nur noch mit Schilden und dergleichen, nicht aber mit anderen einhändigen Waffen kombiniert werden? Warum nur noch ein Waffenset? Warum hat der Begleiter so viel weniger Slots für Upgrades? Aber lassen wir das Negative kurz hinter uns.

Es gibt durchaus Positives: Dieser Lokomotiv-Character, der ständig Schienen verlegt ist schon irgendwie cool. Alles sieht gut aus und läuft flüssig. Es gibt keine obskuren Spielmechaniken, wie sie überkreative Entwickler bisweilen einbauen. Oder die Lifebound-Sprüche: Gegenstände bekommen damit deutlich bessere Werte, sind aber an Euer Leben gebunden, sprich Ihr verliert sie beim nächsten Tod.

Auch bei den Begleitern hat sich was getan. Ihr könnt diese nämlich überall im Spiel aus Käfigen befreien, sammeln, wechseln und im Fort in Käfige sperren – das ist durchaus nett. Man kann auch irgendwelche Bäume im Fort pflanzen und Gegenstände opfern, um bessere Items zu bekommen – so richtig transparent ist das allerdings nicht.

Mein Fazit

Vielleicht ist es Euch aufgefallen, das Wort Vereinfachung ist ziemlich häufig vorgekommen. Und auch bei Steam ist ständig zu lesen, das Ding wäre sicherlich als Smartphone-Spiel entwickelt worden. Und ja, die vielen Vereinfachungen wirken wirklich so, als sollte das Spiel auch auf einem Tablet spielbar sein. Es fehlt einfach ein wenig Spieltiefe, ein wenig Story und ein wenig weniger wenig Abwechslung. Der vielleicht größte Unterschied im Gameplay: Man verbringt in Torchlight III wesentlich weniger Zeit damit, sich mit Statistiken, Skills, Charaktereigenschaften und Ausstattungsgegenständen zu beschäftigen – es gibt nämlich diesbezüglich viel weniger zu tun, auch weil die Stufenaufstiege sehr langsam voran gehen. Nach über 6 Stunden Spielzeit bin ich auf Level 8. Und das liegt nur teilweise am ultralangen Tutorial. Torchlight II mit SynergiesMOD und Torchlight II Essentials: Stufe 10 nach zwei Stunden.

Kurz: Bei Torchlight III klickt man ähnlich oft auf Gegner, alles andere wurde massiv heruntergefahren – und das Fort reisst es nicht raus.

Wer Torchlight I und II nicht gespielt hat und eher casual unterwegs ist, wird mit Torchlight III vermutlich dennoch viel Freude haben – im Sale für 20 Euro, warum nicht.

Für Fans der ersten beiden Teile heißt es eher: Alternative suchen. Grim Dawn, Van Helsing, Path of Exile und selbst das betagte Titan Quest bieten sich da zum Beispiel an. Wer Titan Quest noch nicht gespielt hat, sollte definitiv zuschlagen: Die Grafik ist ein Traum und man kann der komplexen Story sehr sehr gut folgen – denn den Rahmen bietet schlicht die griechische Mythologie, von der man vielleicht schon mal gehört haben sollte. Grim Dawn war toll, mir persönlich gefiel allerdings dieses ständige Zurück zur Basis nicht, mir fehlte das Gefühl von Fortschritt. Path of Exile ist ein kostenloser Traum für Skilling-Fetischisten, dafür fehlt es etwas an Story. The Incredible Adventures of Van Helsing Final Cut hat von allem was – tolles Spiel! Bei mir persönlich rangiert Titan Quest Anniversary Edition dennoch davor: Beste Story ever, schönste und nicht nur düstere Welten, ausgewogenes Gameplay, ausgewogenes Skilling, gute Begleiter – da kann man ein paar in die Jahre gekommene Aspekte getrost ignorieren.

Aber vielleicht ist Torchlight III auch noch nicht am Ende: Es ist gerade erst offiziell veröffentlicht worden, es gab im Laufe der Entwicklung viele Richtungsänderungen, scheinbar wurde die Community halbwegs berücksichtigt und ich würde meinen, es könnte sich den Namen Torchlight III noch verdienen. Stand Heute sollte es weiter Frontiers heißen und vielleicht wirklich als Multiplayer-Smartphone-Titel vermarktet werden – als solches wäre es vermutlich ein echtes Torch- und Highlight.

Derzeit: Torchlight II mit den beiden Mods auf Stufe Veteran ist auch nicht perfekt – die Menge der Monster und Items ist einfach gigantisch, die Extras im Hauptquartier (Begleiter-Händler etc.) machen es im Grunde zu einfach und nach dem vierten (?) Durchspielen ist der Reiz trotz generischer Karten und neuer Charakterklassen irgendwann dahin. Aber so sehr ich mich auch bemühe, Torchlight III fühlt sich an wie die Kind-gerechte Version der Vorgänger im schlechtesten Sinne.

Wie schon viele andere sagten: Das Chaos bei der Entwicklung, die Richtungsänderungen, das mögliche Schielen auf Mobilgeräte – es bleibt ein wenig Kraut und Rüben. Es ist erst das zweite Mal in meinem Leben, dass ich wirklich auf einen (Folge-)Titel gewartet und mich sogar vorab registriert beziehungsweise vorab bestellt habe. Und genau wie South Park 2 hat Torchlight III auf ganzer Linie enttäuscht. Erwartungshaltung kann echt scheisse sein :(

Wenn Ihr ein Casual-Game ohne Fehl und Tadel sucht – hier ist es.

Mirco Lang

Freier Journalist, Exil-Sauerländer, (ziemlich alter) Skateboarder, Dipl.-Inf.-Wirt, Einzelhandelskaufmann, Open-Source-Nerd, Checkmk-Handbuchschreiber. Ex-Saturn'ler, Ex-Data-Becker'ler, Ex-BSI'ler. Computer-Erstkontakt: ca. 1982 - der C64 des großen Bruders eines Freunds. Wenn Ihr hier mehr über Open Source, Linux und Bastelkram lesen und Tutonaut unterstützen möchtet: Über Kaffeesponsoring via Paypal.freue ich mich immer. Schon mal im Voraus: Danke! Nicht verpassen: cli.help

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