Das Vorbestellen von Spielen ist mittlerweile völlig normal. Doch warum ist das so? Hier ein Erklärungsversuch – und ein Aufruf, damit aufzuhören…

OH MAH GAWD HYPE!!! Die E3 ist gerade zu Ende. Die vielleicht wichtigste Spielemesse der Welt brachte nicht nur den Ausblick auf neue Konsolen, mit denen Ihr quietschbunte Indie-Spiele in AWESOME-4K genießen könnt (hüstel), sondern auch jede Menge neue Spiele am Horizont. Beispielsweise Anthem. Das neue Spiel von Bioware. Kommt irgendwann 2018. Und trotzdem bestellen es Leute heute schon vor. Warum? WARUM? Diese Frage beschäftigt mich schon laaaaaange. Ein Appell gegen das Vorbestellen.

Wie mich der Bundesliga Manager vom Hype-Zug abwarf

Je älter ich werde, desto weniger kann ich verschiedene Dinge nachvollziehen. Ein Beispiel gefällig: Im Jahr 1997 ging ein damals noch recht unbedarfter Hoffi (Name von der Redaktion verfremdet) tagtäglich in den örtlichen Spieleladen und erkundigte sich nach… dem Bundesliga Manager 97. Als fußballverrückter Jung-Nerd habe ich mich vom Hype um den vierten Teil der Manager-Reihe aus dem Hause Software 2000 anstecken lassen. Irgendwann erschien das Spiel. Ich habe es installiert, eine Saison gestartet und… War schockiert. Das Spiel war technisch eine Katastrophe, voller Bugs und Abstürze, richtig, richtig schlecht. Nach und nach erschienen Patches (die ich mir damals mangels noch primär von irgendwelchen Disks oder CDs auf Spiele-Magazinen besorgen musste), um das Spiel zumindest einigermaßen erträglich zu machen. Trotzdem bliebt der BM97 meilenweit hinter den Erwartungen zurück.

Bundesliga Manager 97

Bundesliga Manager 97: Digitale Katastrophe und lehrreiche Erfahrung in einem 😉 (Bild: Managerspiele.net)

Warum dieser Ausflug ins Gaming-Mittelalter? Nun, ich habe damals etwas gelernt: Spiele-Hype ist absoluter Bullshit. Blöderweise ist das Phänomen in Zeiten von YouTube und Co. nicht nur schlimmer geworden, man kann ihm als passionierter Gamer kaum noch aus dem Weg gehen. Schwachsinniges Fanboytum entwickelt sich mittlerweile schon, bevor überhaupt irgendwer etwas vom fertigen Produkt gesehen hat. Wer das nicht glaubt, sollte sich nur mal anschauen, wie sich diverse Menschen in den Kommentarspalten von Videos oder Berichten zu Anthem digital die Birne einhauen 😉 Doch weitaus schlimmer finde ich, wie viele Gamer neue Spiele einfach blind vorbestellen. Einfach 60 Euro und mehr deponieren, um auf ein Versprechen zu hoffen. Und am Ende oft enttäuscht zu werden. Denn oft liegen Realität und Ankündigung meilenweit auseinander. Man denke nur an No Man’s Sky. Die PC-Version von Batman: Arkham Knight. Die 2013-Ausgabe von Sim City. Und so weiter. Und so fort. Und trotzdem bestellen Menschen Spiele vor.

Leute, lernt Ihr es denn eigentlich nie?

Spiele vorbestellen: Warum eigentlich?

Immer wieder frage ich mich: Warum bestellen eigentlich Menschen im Jahr 2017 Videospiele vor? Was ist der Grund? Die unfassbar dämlichen Preorder-Boni, die die Firmen den Vorbestellern „schenken“? Irgendwelche Maps oder Pistolen oder In-Game-Skins oder Pseudo-Trophäen? Inhalte, die „normale“ Käufer nicht bekommen? Mag sein.

Das Video da unten macht beispielsweise Werbung für die „EXCLUSIVE PREORDER REWARDS!!“ von Destiny 2. Darunter unter anderem ein besonderes Emote und ein Emblem. What. The. Actual. F*CK!??! Wer Destiny 1 in seiner Anfangsphase gezockt hat, sollte es doch wohl besser wissen, als sich jetzt einfach blind auf den Nachfolger zu stürzen?!? Nein, ich fand Destiny anfangs noch nicht einmal so mies, wie viele andere, aber im Vergleich zum späten Zeitraum inklusive Add-ons war das Basisspiel eine Katastrophe. Mit welcher Begründung sollte das bei Teil 2 anders sein? Und falls es doch so sein sollte: Was verpasst Ihr, wenn Ihr ein paar Reviews oder meinetwegen Let’s Plays abwartet und dann zuschlagt? Ist ja nicht so, dass Spiele in Zeiten digitaler Downloads in irgendeiner Art und Weise Mangelware sind 😉

Beta-Tester gegen Bares

Hand auf’s Herz: Lohnt es sich wirklich, für den Start ins Spiel um 0:01 Uhr am Erstverkaufstag zum Beta-Tester zu werden? Immer mehr Top-Titel kommen dermaßen verbuggt auf den Markt, dass Day-One-Zocker nichts anderes sind, als  Beta-Tester zum Vollpreis. Gigabyte-große Patches am Release-Tag sind mittlerweile ja schon fast die Regel. Und die schließen dann bestenfalls die allergröbsten Lücken. Will man das wirklich? Ach ja, man ist ja Vorbesteller. Damit bekommt man ja auch noch früheren Zugriff auf den eigentlichen Beta-Test des Spiels (so zumindest bei Destiny 2). Man darf also zweimal Beta-testen. EXCLUSIVE! Und jaaaa, nicht alle Spiele sind ab Werk eine Katastrophe. Und ich bin mir auch bewusst, dass die Entwickler oft gar nicht schuld daran sind, sondern eher die Publisher, die ein Spiel unbedingt termingerecht auf den Markt drücken wollen. Das entschuldigt aber nicht, dass Ihr das Verhalten mit Eurer Kohle unterstützt!

Die Vorbesteller-Kultur treibt zudem immer absurdere Blüten. Aufmerksame Beobachter der Branche erinnern sich sicher noch an den „Augment your Pre-Order“-Stunt, den Square Enix vor ein paar Jahren abzog. Die Jungs und Mädels wollten für Deus Ex: Mankind Divided tatsächlich den Vorbesteller-Boni auf Basis der Menge an Vorbestellungen verteilen. Sprich: Wenn genug Leute vorbestellen, bekommen die dann mehr Zeug, darunter auch Extra-Missionen, die NICHT im „normalen“ Spiel integriert wurden. Dieser perfide Driss wurde zum Glück auf Basis des negativen Feedbacks abgebrochen. Dennoch wird es nicht das letzte Mal sein, dass die Publisher das Vorbestellen mit obskuren Extras „belohnen“.

Deus Ex Augment your Preoder

Das „Augment your Preorder“-Programm war nur einer von viiiieeeelen WTF-Momenten in Sachen Vorbesteller-Kultur

Wer vorbestellt, der darf nicht meckern

Spiele-Vorbesteller sind für mich die Nichtwähler der digitalen Welt. Nun mag es sich zunächst paradox anhören, ein nicht-wahrgenommenes demokratisches Recht mit einer frühen Investition in sein Lieblings-Hobby zu vergleichen. Dennoch bleibe ich dabei. Denn mir geht es vor allem um einen wesentlich Punkt: Das Recht, ein Ergebnis zu bemängeln. Wer nicht wählen geht hat absolut kein Recht, sich über Koalitionsbeschlüsse und der daraus resultierenden Politik zu beschweren. Hätte er/sie ja ändern können. Hat er/sie aber nicht.

Das lässt sich eins-zu-eins auf Spiele übertragen: Wer ein Videospiel aufgrund einer bloßen Ankündigung, eines animierten Trailers oder meinetwegen auch aufgrund von Gameplay-Szenen vorbestellt, darf sich nicht über das finale Produkt beschweren. Das schon erwähnte No Man’s Sky sollte doch auch dem letzten Day-One-Spieler klargemacht werden, dass Werbung und Versprechen nicht immer bestehen. Und NMS ist bei weeeeeiiiiiiiitem nicht das einzige Beispiel dafür. Erinnert sich noch jemand an das Watch-Dogs-Fiasko von 2013? Nein? Hier eine kleine Auffrischung:

Die E3-Trailer von Watch Dogs versprachen eine grandios Grafik und ein beeindruckendes Gameplay. Von beidem hat es mit viel guten Willen ungefähr die Hälfte in das fertige Spiel geschafft (Watch Dogs 2 ist dafür immerhin ziemlich gut geworden 😉 )

Und was haben die Leute im März über Mass Effect: Andromeda gemeckert. Vor allem die total verkorksten Gesichtsanimationen und diversen technischen Mängel stießen unzähligen ME-Fans mehr als sauer auf – zurecht, wenn man sich die diversen Videos dazu ansieht:

Ich hingegen habe mit dem Kauf von Mass Effect bis Ende Mai gewartet und kann dank diverser Patches nun ein zumindest technisch weitestgehend funktionierendes Spiel zocken. Dass mir die Reise durch Andromeda dennoch nicht so gut gefällt, wie die Saga rund um Commander Shepard steht freilich auf einem anderen Blatt 😉

Und bitte kommt mir nicht mit dem Schein-Argument „Wir wollen doch nur die Entwickler unterstützen“. Das zählt bei Top-Games nicht, hier ist genug Kohle vorhanden. Wenn ein Spiel schon in der Entwicklung ist, hat bereits irgendwer investiert. Die kleinen Indie-Games kommen meist ohne Preorder-Schmuh auf den Markt und machen trotzdem Spaß. Und ansonsten gibt es ja noch Kickstarter oder Steam Early-Access. Finde ich beides besser, als den Branchenriesen ohne Vorleistung Geld hinterherzuwerfen. Beide Systeme können funktionieren oder auch nicht. Auf jedes grandios Spiel wie Undertale kommen mindestens drei Enttäuschungen alá Mighty Number 9, ein von Anfang an tolles Projekt wie Prison Architect wird durch andere fragwürdige Early-Access-Titel oder auch Steam Greenlight-Katastrophen wie den Machwerken von Digital Homicide überschattet.  Immerhin gibt es Greenlight seit kurzem nicht mehr 😉

Später kaufen, besser zocken

Wo wir gerade beim Thema sind: Das entspannte Warten auf ein Spiel hat sooooo viele Vorteile, Ihr glaubt es gar nicht.

Gute Entwickler stehen nämlich zu ihren Fehlern und versuchen, verbuggte Spiele im Nachhinein durch Patches und Erweiterungen einigermaßen hinzubekommen. Auch hier darf wieder No Man’s Sky als Beispiel dienen: Der viel gescholtene Sean Murray und sein Team haben das Spiel nach Release zunächst um die gröbsten Fehler bereinigt. Anschließend kamen in Form des Foundation-Updates und des „Pathfinder-Updates“ zwei größere Patches, die zumindest einen Teil der angekündigten Features in das Spiel brachten. Mittlerweile ist No Man’s Sky einigermaßen spielbar. Ich habe es mir in einem Sale für die PS4 für rund 15 Öcken geholt und hatte durchaus einige Stunden Spaß. Das soll keine Entschuldigung für die Versäumnisse von Hello Games sein, aber zeigen, das Spiele durchaus reifen können.

Wer Geduld hat, kann sogar noch eine Menge sparen oder bekommt zusätzlichen Content zum Spiel oben drauf. Unsere schnelllebige Zeit sorgt dafür, dass Spiele immer schneller stark rabattiert in Steam-Sales, im PSN-Store oder im Xbox Store auf. Noch besser ist es freilich, wenn der Wunschtitel als Game-of-the-Year-Edition oder ähnlichem neu aufgelegt wird. Hier gibt es dann oft schöne Dinge inklusive, beispielsweise kostenpflichtige DLCs oder gar komplette Erweiterungen. Sprich: Ihr bekommt die volle Spielerfahrung für weniger Geld. Ist es das nicht wert, zu warten?

Destiny Collection

Komplettpakete wie das von Destiny bieten nicht nur ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis, sondern auch viel mehr Spiel für’s Geld

Es lohnt sich einfach, später zu kaufen. Ich selbst habe mir mittlerweile eine Drei-Monats-Regel auferlegt. Soll heißen: Richtig große Games kaufe ich frühestens drei Monate nach Release und beobachte bis dahin, wie sich das Spiel entwickelt. Bis dahin zocke ich dann einfach die Games, auf die ich zuvor gewartet habe ^^

Nun kann ich mich als alter Sack nur bedingt in die Lage jüngerer Gamer hineinversetzen. Vielleicht ist man auf dem Schulhof nicht „cool“, wenn man nicht sofort am Tag 1 das neueste Hype-Game besitzt? Ist das so? Falls ja: Kläret mich bitte auf. Und ein zweites falls ja: Werdet bitte möglichst schnell erwachsen 😉 Betrachtet Games nicht nur als Fast-Food, auf das Ihr Euch direkt stürzt, sobald es auf dem virtuellen Tisch steht. Viele Spiele sind wie Whisky oder Wein, sie müssen einfach ordentlich reifen.

Vote with yout wallet!

Liebe Leute, IHR und NUR IHR habt es in der Hand, den Publishern mal gehörig in den Allerwertesten zu treten. Hört auf mit dem Vorbestellen von Spielen aufgrund von Trailern und Versprechen. Wartet doch einfach ab, bis es die ersten echten (!) Reviews und unbezahlte (!!!) Let’s Plays eines Titels gibt. Das dauert nur ein paar Tage. Egal ob über Facebook, YouTube, Steam, Twitch oder Gamefaqs: Es war niemals einfacher, sich über die Qualitäten eines Spiels schlau zu machen. Ehe Ihr also durch eine vergeudete Vorbestellung 60 Euro und mehr verschleudert, übt Euch in der alten Kunst der Geduld. Spart die Kohle. Spendet sie. Geht mit Euren Liebsten lecker Essen. Meinetwegen investiert sie in eine wilde Partynacht – selbst die hat oft mehr Nachhaltigkeit, als ein schlechtes Game…

E3 vorbestellen

Sagt einfach nein zu Vorbestellungen – es ist gar nicht so schwer 😉

Wer den Entwicklern ohne Vorleistung Geld in den Rachen wirft, muss sich nicht wundern, wenn die Qualität von Spielen nachlässt. Das ist ein wenig wie mit den Filmen von Michael Bay: Warum sollte der einen guten Transformers-Film machen, wenn Ihr ihn doch blind (harhar) anschaut? Das gleiche gilt für Electronic Arts, Ubisoft, Take2, Sony, Microsoft und alle anderen. Die Publisher wollen Eure Kohle, was auch vollkommen legitim ist. Und gute Spiele sollten auch bezahlt werden. Doch seht Ihr es nicht auch so, dass DIE zuerst liefern sollten und nicht IHR? Die Gaming-Industrie ist in den letzten Jahrzehnten zum Schwergewicht geworden, das sich in Sachen Umsatz nicht hinter der Filmindustrie verstecken muss. Fehlende Qualität lässt sich also nicht mehr mit 1-Mann-Projekten entschuldigen, die Spiele in den 1980ern oft noch waren. Von daher: Vote with your Wallet. Unterstützt mangelhafte Games nicht mit Eurer Kohle.

Doch vermutlich werden meine Worte ungehört verhallen. Ihr findet den ollen Hofferbert albern oder stört Euch daran, dass er die Finger die Wunder legt. Macht ja nichts. Ich bin nicht Euer Boss. Von daher: Macht nur weiter. Bestellt vor. Aber bitte, bitte, bitte: Hört dann zumindest auf, über schlechte Spiele zu jammern, die Ihr vorher blind unterstützt habt….

Und wenn Euch mein Sermon am Pöppes vorbeigehen sollte, dann hört wenigstens auf den einzigartigen Jim f*cking Sterling, son 😉

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Über den Autor

Boris Hofferbert

Freier Journalist, seit seligen Amiga-Tagen technikbegeistert, schreibt über Windows, Smartphones, Games und eine Menge anderen Kram

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Kommentare

  • Und wenn Du den Artikel schon nach Absatz 2 als Beta veröffentlicht hättest und Dir potenzielle Leser 3.000 Euro überwiesen hätten – würdest den Artikel dann nicht noch viel besser machen, um mehr zu verdienen? Hä? Na? Hmm, andererseits, wenn zwei miese Artikel mehr einbrächten, als ein guter … da hinkt wohl doch was 😉 Also full ack, wie man so schön sagt …

    • Tutos im Early-Access? Das ist vermutlich das NEXT BIG THING! MacOS-Anleitungen als Digital Deluxe Edition, Windows-Tipps mit exklusivem Zusatzcontent in Form von Extra-Emoticons im Text.

      Quasi der nächste Evolutionsschritt des Online-Contents. Clickbait ist ja soooooo 2016 😉

  • guter kommentar, trifft ziemlich genau ins schwarze. ich bestelle mittlerweile ebenfalls nichts mehr vor, hab den fehler unter anderem bei watch dogs gemacht und es bereut. wie beschrieben bringt es einfach keine echten vorteile…

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