Darknet und Tor: Nur für Verrückte und Irre? Keinesfalls! Es gibt gute Gründe, warum auch „normale Menschen“ mal einen Blick riskieren sollten.

Das Darknet und Tor wabern seit gut zwei Jahren ständig durch die Nachrichten, meist im Zusammenhang mit irgendwelchen terroristischen Aktivitäten. Aber auch, wenn vielerorts die Meinung herrscht, das Darknet sei ein Moloch, in dem es nur Kriminelle und Psychopathen gibt – es gibt gute Gründe für Otto Normalverbraucher, Tor und Darknet mal auszuprobieren.

Sind Darknet und Tor OK?

Wie Ihr auf dem Rechner ins Darknet kommt, haben wir hier ausführlich beschrieben und hier für Android und hier für iOS. Hier gab es immer wieder die Kritik: Zeigt den Irren doch nicht noch wie es geht. Aber zum einen ist das Darknet eben nicht nur für Irre gedacht, zum anderen hieße der Vorwurf auch, dass man Menschen nicht beibringen dürfte zu programmieren (sie könnten ja Viren schreiben) und ihnen nicht arglos den Weg nach Berlin zeigen könnte (denn vermutlich ließen sich auch dort Verbrechen begehen). Und überhaupt, Lesen – ganz schrecklich … hat in der Vergangenheit zu den irrsten Dingen geführt. Blödsinniger Vorwurf!

Moralisch und juristisch ist es genauso in Ordnung Tor zu nutzen, um ins Darknet zu gelangen, wie Chrome zu nutzen, um Facebook aufzurufen. Und nun 7 Gründe, warum auch „ganz normale“ Menschen Tor/Darknet besuchen sollten:

Neugier befriedigen

So lange Neugier nicht in Gaffen oder Missachtung der Privatsphäre Dritter ausartet, ist sie eine verdammt gute Sache. Und es gibt überhaupt keinen Grund, dieser Gier auf etwas Neues nicht nachzugehen. Wer diesen Artikel liest scheint einigermaßen neugierig auf das Thema – also los, Bedürfnis befriedigen, mehr Gründe braucht es überhaupt nicht.

Wenn Ihr Euch nicht traut, wir haben hier einen Blick für Euch riskiert – aber besser, Ihr schaut selbst.

Wissen!

Wie bereits erwähnt, erscheint das Bild von Tor und Darknet in Foren, Kommentaren und teils sogar Artikeln ziemlich verzerrt – Gerüchte, Mythen, Meinungen bestimmen hier und da das Bild. Ihr könnt Euch auf seriöse Medien verlassen, aber Ihr könnt auch einfach selbst nachschauen. Und wenn Ihr einmal dort ward, müsst Ihr auch niemandem mehr blind Glauben schenken. Wenn man etwas so einfach auch mit eigenen Augen betrachten kann, warum dann nur Second-Hand-Wissen?

Staunen … und verstehen

Man kann es drehen und wenden wie man will, das Darknet besteht auch nicht nur aus frommen Dissidenten und Journalisten. Dort treibt sich ein großer Haufen Irrer, Perverser und Krimineller herum. Zum einen muss man an vielen Stellen einfach staunen, meist mit einem gewissen Entsetzen – nicht wegen irgendwelcher krimineller Inhalte, eher wegen der Menschen, die hier ihre Ansichten vertreten.

Zum anderen kann man aber auch versuchen, die Gedankengänge der Menschen, die uns alle irgendwie „faszinieren“ nachzuvollziehen – Kriminelle, Pädophile, Terroristen. Ein Blick in TV- oder Kinoprogramm und diese Faszination für das Böse oder Abwegige lässt sich nicht leugnen. Und im Darknet besteht die Möglichkeit, diesen Menschen bei internen Diskussionen zuzuschauen. Das ist teils etwas wunderlich, teils faszinierend bis hin zu schlicht und ergreifend entsetzlich. Oder um es mal abseits jeglicher Neutralität zu sagen: Wenn sich Pädophile hier die Welt zurecht „argumentieren“, möchte man einfach nur kotzen. Nichtsdestoweniger: Verstehen ist nie schlecht, mit Unverständniss lässt sich nichts hilfreiches anfangen.

Anonym surfen

Nach diesem bedrückenden Ausflug mal etwas ganz Praktisches: Tor funktioniert natürlich auch als normaler Browser für reguläre Webseiten. Und wenn Ihr politische Seiten oder „pikante“ Seiten oder ein soziales Netzwerk einfach mal anonym besuchen wollt, ist Tor nach wie vor die beste Lösung – einfach, kostenlos und weitestgehend sicher.

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Politische Webseiten anonym besuchen zu wollen, ist ein legitimes Anliegen!

Anonym kommunizieren

Das Darknet eignet sich hervorragend zum komplett anonymen Kommunizieren. Beispielsweise gibt es mit Torbox einen kostenlosen eMail-Service, der genauso funktioniert wie jeder andere Web-Mailer auch. Viele Verlage, Journalisten und auch Researcher lassen sich über Darknet-Mail-Adressen kontaktieren, was etwa für Whistleblower eine enorme Erleichterung ist.

Aber auch wenn sich Hinz und Kunz über Politik austauschen wollen: Soll Google das wirklich alles mitlesen? Natürlich lassen sich Mails auch verschlüsseln, zeigen wir zum Beispiel hier – aber es ist für Nicht-Techies nicht so ganz einfach. Zudem sorgt Verschlüsselung auch nur für die Vertraulichkeit der Daten – mit Anonymität hat das nicht mal etwas zu tun. Vielleicht soll ja niemand wissen, wenn Ihr regelmäßig mit einem bekannten, sagen wir Kommunisten kommuniziert …, oder Kapitalisten, oder …

Anonym veröffentlichen

Im Darknet lässt sich wunderbar einfach anonym veröffentlichen – über einen Pastebin zum Beispiel. Wie das genau funktioniert, zeigen wir Euch hier. Warum? Nun, zugegeben, für Otto N. sind die Gründe eher rar 😉 Nicht ganz unpraktisch ist es aber zum Beispiel für Notizen oder auch Darknet-Link-Sammlungen.

Die könntet Ihr per Pastebin veröffentlichen und von überall auf der Welt ganz einfach mit der URL darauf zugreifen – schließlich ist das mit dem Auffinden von Darknet-Adressen nicht immer ganz einfach. Auch wenn Boris ein Liste mit tatsächlich allen Darknet-Adressen ausgegraben hat. Ohne die URL lässt sich so ein Pastebin-Inhalt übrigens nicht aufrufen – „veröffentlichen“ ist hier also relativ.

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Anonym veröffentlicht und für immer existent – ZeroBin im Darknet.

Für Bedürftige

Fakt ist, Tor und Darknet sind enorm wichtige Hilfsmittel für unterdrückte Menschen weltweit. Und je mehr Menschen insbesondere Tor nutzen, desto größer, besser und sicherer wird langfristig auch das Tor-Netzwerk. Und wenn mehr Menschen wissen, wie es um Tor und Darknet wirklich bestellt ist, siehe Punkt 2, desto größer dürfte auch die Akzeptanz im kollektiven Verständnis werden – was wiederum mehr Nutzer anzieht.

Um es also nochmal klar zu sagen: Es gibt nichts Anrüchiges an einem Darknet-Besuch, einer Tor-Nutzung oder einer Tor-/Darknet-Anleitung. Der ernsthafte, alltägliche Nutzen beschränkt sich für die meisten Nutzer sicherlich darauf, ab und an anonym zu surfen oder eine Ländersperre zu umgehen. Aber um Halbwahrheiten, Halbwissen und Unkenntnis-genährten Verschwörungstheorien und Verteufelungen entgegenzuwirken, können wir nur jeden animieren, das Darknet mal kennenzulernen!

Über den Autor

Mirco Lang

Mirco Lang

Am Anfang war der C-64 des großen Bruders des besten Freundes in der Grundschule …

Der echte Technikwahn kam dann mit einer Ausbildung bei Saturn – als Computer noch erklärt werden mussten, Soundkarten benötigten, ein gutes Monatsgehalt kosteten und das Internet nur bei Nerds und mit 38 kbp/s lief, bestenfalls.

Ein Studium der Informationswirtschaft und ein paar Jahre als Redakteur bei Data Becker später, sitzt hier ein freier Journalist, der auf Old-School-Computing (cli ftw!), Free Software, Frickelei, Kodi und „Hundedinger“ steht – und Grauseligkeiten wie Bild und Heftig.co zutiefst verabscheut.

Und sonst so? Sauerländer, Ex-BSI’ler, untalentierter Musikinstrumentebesitzer und seit 26 Jahren Skateboarder, ein ziemlich alter. Und manchmal kommt das abgebrochene Philo-Studium wieder durch …

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